Warum Dich eine 0815 Ausbildung heute nicht mehr weiter bringt…

Hier ein paar provokante Thesen, warum eine gute Yogalehrer:innenausbildung heute mehr bieten muss als nur eine intensive persönliche Yoga-Erfahrung an einem exotischen Ort (Indien, Bali etc.) mit Zertifikat. Wir brauchen heute eine Ausbildung, die Deine eigene Praxis vertieft, ein fundiertes Verständnis von Yoga vermittelt und die Grundlagen für authentisches Unterrichten schafft – getragen von Erfahrung, traditionellem Wissen und einer zeitgemäßen Vermittlung.

Gute Lehrende brauchen heute neben einer ordentlichen Portion Selbsterkenntnis eine sinnvolle eigene Yogapraxis und darauf basierend ein stabiles Rückgrat. Etwas Spaß in Asien oder eine solide methodische Grundausbildung allein machen heute noch keine guten Yogalehrer:innen aus.

Grundsätzlich zeichnet sich eine gute Yogalehrer:innenausbildung durch fundierte Inhalte (Anatomie, Didaktik, Philosophie, Energiearbeit und Meditation), erfahrene und gut ausgebildete Dozent:innen, ausreichend Raum für praktische Selbst- und Lehrerfahrung (Selbstpraxis und Unterrichtsproben) sowie eine anerkannte Zertifizierung aus.

Entscheidend sind dabei vor allem die Faktoren Inhalt, Praxis sowie Erfahrung und Ausbildung der Dozent:innen. Die Fragen, die ich mir also bei der Wahl meiner Ausbildungsstätte stellen würde, beziehen sich darauf, ob wirklich traditionelle Inhalte auf moderne Art und Weise von erfahrenen Dozent:innen unterrichtet werden. Und ob dabei auch Raum bleibt, die spirituelle Vielfalt des Yoga zu entdecken und ein eigenes, fundiertes Verständnis zu entwickeln.

Was es dafür braucht, sind Ausbilder:innen, die sich über Jahrzehnte mit Selbstpraxis, Qualität und ihrer eigenen Lehrtätigkeit auseinandergesetzt haben. Menschen, die angehende Yogalehrende ermutigen, eigenständig zu praktizieren und zu denken, urteilsfähig und kritisch zu sein – auch dann, wenn das unbequem ist – und nicht auf äußere Zustimmung angewiesen zu sein.

Hier deshalb ein paar Kriterien, die meines Erachtens die Qualität einer Ausbildung entscheidend prägen.

1. Tradition VS Event.

Yoga ist eine wissenschaftliche, spirituelle Technik. Wir arbeiten uns von außen (dem Körper) nach innen (zur Seele). Dafür wurden Techniken wie Asanas (Körperübungen), Pranayamas (Atemübungen), Bandhas und Mudras (energetische Siegel) sowie Kriyas (Reinigungspraktiken) und Meditationen entwickelt, die man nicht beliebig sequenzieren und verwässern kann. Es geht darum, die Prinzipien und energetischen Zusammenhänge hinter diesen Techniken zu verstehen und bewusst anzuwenden. Bleibt die Praxis nur an der körperlichen Oberfläche, geht die spirituelle Essenz des Yoga verloren.

2. Transformation VS Performance.

Lehrende, die an Deiner Transformation und an Deinem Wachstum interessiert sind, stellen Deine Entwicklung über das, was andere über sie denken. Solche Lehrenden unterrichten, um Dich in Deinem Wachstum zu unterstützen. Es geht weniger darum, von Dir gemocht zu werden, als Dich in Deinem individuellen Prozess zu begleiten. Das mag nicht immer angenehm sein, aber nur so kann jene Lehrpersönlichkeit heranwachsen, die in Dir bereits darauf wartet, entdeckt zu werden.

3. Weitergehen VS Immer-das-Gleiche-wiederholen.

Die besten Yogalehrenden bleiben lernfähig. Sie scheuen sich nicht davor, neues Wissen in ihren stetig wachsenden Erfahrungsschatz zu integrieren und traditionelle Lehren mit modernen Erkenntnissen zu verbinden. Sonst wird irgendwann aus Erfahrung Routine, und aus Routine kann Stillstand werden. Neue Einsichten, Scharfsinn und ein gutes Urteilsvermögen darüber, wo Veränderungen oder Anpassungen im Unterricht notwendig werden, sind entscheidende Fähigkeiten guter Yogalehrender.

4. Relevanz VS Reputation.

Lehrenden, die Dich wirklich berührt haben, war die Wirkung auf Deine Weiterentwicklung immer wichtiger als das, was andere über sie dachten. Such Dir jemanden, der schon lange praktiziert und erfahren genug ist, auch die unangenehmen Wahrheiten auszusprechen. Jemanden, der Dir nicht nur Honig ums Maul schmiert, sondern den Mut hat anzuecken, also Widerspruch hervorzurufen und damit auch die dunklen Stellen und blinden Flecken ans Licht bringt. Jemanden, der oder die, wenn es angebracht ist, den Finger in die Wunde legt.

5. Play it Safe VS Walk the Talk.

Zu viel Sicherheit lässt jeden bequem werden. Die Gefahr ist, dass wir dadurch an Relevanz verlieren. Yogalehrende müssen bereit sein, ihre Überzeugungen auch dann zu vertreten, wenn sie nicht die derzeit populärste Meinung repräsentieren. Wichtig aber ist: Widerspruch ist kein Qualitätsmerkmal an sich. Entscheidend ist, ob eine Position begründet, durch eigene Erfahrung getragen und verantwortbar ist.

6. Sichtbarkeit VS Sell Out.

Zu viele interessante Lehrende haben sich aus unterschiedlichen Gründen aus der öffentlichen Sichtbarkeit zurückgezogen. Soziale Medien haben sie verschreckt oder sie hatten Angst, sich am „Ausverkauf der heiligen yogischen Lehren“ zu beteiligen. Es gilt aber: Gute Lehre darf sichtbar sein, ohne sich dem Markt unterwerfen zu müssen. Es ging nie darum, auszuweichen und sich dem öffentlichen Raum zu entziehen. Es geht immer darum, so relevant zu bleiben, dass man möglichst viele Menschen berühren kann. Gute Lehre zeichnet sich dadurch aus, dass sie Inhalt statt Vermarktung in den Mittelpunkt stellt.

– by Patrick Broome